An der mittleren Oder, in der Höhe des brandenburgischen Örtchens Reitwein, beim Flusskilometer 603 bis 617, hat sich bis heute eine natürliche Flusslandschaft erhalten können, die auch durch die europäischen FFH- (Flora-Fauna-Habitat) und Vogelschutz-Richtlinien streng geschützt ist.
Doch was für Naturfreunde eine idyllische und ökologisch wertvolle Landschaft ist, die mit ihren Steilufern, Röhrichten, Sandbänken und Inseln einen Lebensraum für Biber, Fischotter, Eisvögel, Uferschwalben und Neuntöter bietet, ist für die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) lediglich eine "Fahrrinnentiefenschwachstelle" die die Schifffahrt behindert und dringend beseitigt werden muss.
Natürliche Flussdynamik durch zerstörte Buhnen
Durch den in den 90er Jahren existierenden Truppenübungsplatz der russischen Armee wurde im Streckenabschnitt km 605 bis km 607 einige Buhnen am deutschen Ufer vollständig zerstört. In der Folge bildete sich ein kleines Parallelgewässer; die vorher durch die Buhnen veränderte Flussdynamik konnte wieder Sandbänke und Untiefen schaffen. Doch diese Untiefen behindern jetzt die Schifffahrt - die Fahrrinnentiefe sinkt in trockenen Sommermonaten auf unter einen Meter.
Nach Ansicht der WSV stellt die geringe Tiefe auch im Winter eine Gefahr dar: es komme zu "gefährlichen Eishochwässern mit verheerenden Deichbrüchen und Überflutungen, wie zuletzt 1947, als kriegsfolgenbedingt nicht genügend Eisbrecher (...) zur Verfügung standen."
Argument Eishochwasser ?
Diese Argumentation ist unsinnig: Da der Fluss von der Mündung her aufgebrochen werden muss, damit das Eis ungehindert abtransportiert werden kann und die Geschwindigkeit der Eisbrecher nur bei 6 bis 7 km pro Tag liegt, wird ein plötzlich auftretender Eisstau nur sehr selten rechtzeitig von den Eisbrechern erreicht.
(siehe auch: Gefahr durch Eishochwasser an der Oder?)
Zum anderen könnte durch den Einsatz innovativer Technik der Tiefgang der Eisbrecher stark reduziert werden. So hat die Hitzler-Werft in Lauenburg 2009 einen neuen, extrem leistungsfähigen Eisbrecher-Typ entwickelt, der nur noch einen Tiefgang von max 1,60 m hat. Zwei solche Eisbrecher wurden bereits an das WSA Lauenburg geliefert, weitere sollen folgen. Die bisher gängigen größeren Eisbrecher besitzen einen Tiefgang von min. 2,20 m.